DIE WIRKLICHKEIT KOMMT
Ein Dokumentarfilm von Niels Bolbrinker

DE, 2013, 84 min

Wer sich früher von unsichtbaren Strahlen verfolgt und am Telefon überwacht fühlte, galt als paranoid. Wer heute ein Lebenszeichen von sich gibt, wird registriert. Doch das ist erst der Anfang. Die Forschung geht weiter, die Wirklichkeit kommt.

Der Film unternimmt eine Reise zu den Labors und Rüstungsfirmen, die sich mit der Analyse, Überwachung und Steuerung von allen möglichen menschlichen Regungen und Ausdrucksformen befassen. Hier werden Strahlenkanonen auf Menschenansammlungen gerichtet, Drohnen in Kolibri-Form legen Wanzen in fremden Zimmern ab und die Körpersprache von Passanten wird auf eventuelle böse Absichten hin untersucht. Es wird klar: jenseits des abstrakten Big Data – Wahns der NSA, wird sich bald ein konkretes Netz an vorbeugender körperlicher Totalerfassung über unsere Wirklichkeit legen, während gleichzeitig die Neurowissenschaften mit der Optimierung unserer Gehirnströme beschäftigt sind.

Doch unter uns leben Menschen, die das alles schon seit Jahrzehnten wissen. Seit es die unsichtbaren Datenströme wie Funk, Radar, Röntgen, Telefon gibt, haben sie diese für ihre Leiden verantwortlich gemacht. Mit großem technischen Wissen behaupten sie schon immer die Existenz von Apparaten und Methoden, die uns bisher aberwitzig erschienen, an denen aber in den Labors, bei Polizei und Militär längst geforscht wird. Hinter dem Efeu alter Westberliner Brandmauern findet man noch die Warnungen des in den 60er Jahren durch die Strassen wandernden "Sendermannes" vor den allgegenwärtigen Kontrolleinrichtungen des CIA. Heute begegnet uns hier Frau B., die argwöhnt, man habe ihr einen Chip ins Hirn implantiert, um sie überall orten zu können.

So findet sich in diesen Vorstellungswelten ein ständig aktualisiertes, wenn auch skurriles Abbild des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, aber auch ein Menetekel auf die Zukunft unserer Gesellschaft. In der sogar das Gedankenlesenkönnen zum Traum einer besseren, weil sicheren Zukunft gehört.

Ein Film über das Zusammenspiel von Wahnsinn und Methode.

 

PRESSESTIMMEN

Detlef Kuhlbrodt von taz.de bezieht sich auf den "Sendermann", der im Westberlin der späten 70er Jahre vor Überwachung und Sendern der CIA warnte: "Er war davon überzeugt, dass in Haushaltsgeräten, Kleidungsstücken und Einrichtungsgegenständen Aufzeichnungsgeräte verborgen sind, die alles protokollieren. Seine Paranoia fiel sozusagen auf fruchtbaren Boden. Spätestens seit dem Deutschen Herbst, der Einführung der Rasterfahndung, hatte man in der linken Szene große Angst vor der totalen Überwachung, gegen die man sich vor 30 Jahren mit einem erfolgreichen Boykott der damals anberaumten Volkszählung zu wehren suchte."

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Julia Teichmann vom FILMDIENST schreibt: "Bolbrinker montiert diese Sequenzen und Fotos des Mannes parallel zu Archivaufnahmen von entsprechenden Versuchsanordnungen der amerikanischen und sowjetischen Geheimdienste – unterlegt mit einem sphärisch raunenden Soundtrack. Diese Genese des „paranoiden Technikwahns“ schließt er wiederum mit der Gegenwart kurz. Den aktuellen Paranoikern stellt der Film die reale Entwicklung moderner Überwachungs- und Ausspähungstechnologien gegenüber. Mit überraschendem Ergebnis."

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Kai Mihm von der epd film resümiert: "Als Zuschauer fühlt man sich in eine Art Paralleluniversum entführt, wo Drohnen in Form von täuschend echt aussehenden  Kolibris Wanzen platzieren und Wissenschaftler [...] eine Kamerasoftware entwickeln, die »verdächtige Personen« anhand von Körperbewegungen erkennt – was natürlich eine fortwährende Beobachtung und Auswertung sämtlicher Passanten voraussetzt. Die aktuellen Onlineausspähungen der NSA wirken gegen solche Zukunftsaussichten wie Kinderkram."

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Christian Schlüter von der FRANKFURTER RUNDSCHAU meint: "Das Verrückte an der gegenwärtigen Situation ist nun, dass mit unserer Kenntnis der weltweiten Überwachung ausnahmslos aller Menschen durch die angelsächsische Super-Stasi die Unterscheidung zwischen Paranoia und Realität, Spinnerei und Wahrheit aufgehoben wurde. Es scheint so, als spiegele die wirkliche, die eigentlich untrügliche und unmissverständliche Tatsachenwelt nur die Gestaltungsprinzipien eines ausgewachsenen Verfolgungswahns wieder. Genau diese Vermengung und Verkehrung, aber auch die mit ihr einhergehenden Verunsicherung beschäftigt Niels Bolbrinker in seiner sehenswerten Dokumentation „Die Wirklichkeit kommt“."

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Reinhard Jellen von der Zeitung JUNGE WELT denkt: "Der in Westberlin legendär gewordene »Sendermann«, der in den siebziger Jahren auf riesigen Transparenten und in Graffiti Alarm schlug, weil er glaubte, daß die Menschen von den Geheimdiensten erfaßt und fertiggemacht würden (»Bürger werden von Sendern gequält und gefoltert«), ist durch den NSA-Skandal doch noch über das reine Spinnertum hinausgekommen. Die technologische Wirklichkeit hat den Irrsinn eingeholt."

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Martina Knoben von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG scheibt: "Bolbrinker nährt raunend den kollektiven Verfolgungswahn, der uns spätestens seit Snowdens Enthüllungen erfasst hat. Er gleicht den Wahnsinn aber auch mit der Wirklichkeit ab, besucht eine Waffenmesse und diverse Forschungsabteilungen und stellt fest, dass einige der Phantasien Realität sind, andere zumindest Wirklichkeit werden könnten. (...) Bolbrinkers Haltung aber ist nicht die schlechteste: Grundsätzlich alles für möglich zu halten und zu fragen, wer von welcher Technik profitiert."

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Karsten Polke-Majewski von ZEIT ONLINE fragt "Wer ist hier paranoid?": "Doch die Masse der Menschen bewegt es nicht. Zu abstrakt ist das alles, zu wenig spürbar. Also beschäftigen sie sich nicht mit der Technik und ihrem Fortgang." Der Leiter des Ressorts Investigativ/Daten bewegt sich im Gegensatz zu diesen Menschen vermeintlich auf vertrautem Terrain und fordert einen Realitätssinn für das technisch Machbare ein. Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Film bleibt dabei auf der Strecke, stattdessen tut der Verfasser seine persönliche Meinung über Menschen mit Verfolgungswahn kund und reduziert infolgedessen den Film auf eine Ansammlung armer Irrer, für die er sich fremdschämen muss.

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